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Wir haben Ihnen im vorigen Abschnitt vergleichsweise abstrakt erläutert, dass eine Entwicklung hin zur alltagsgegenwärtigen Datenverarbeitung ("ubiquitous computing") Ihr Leben einschneidend verändern kann - mit Vorteilen wie individueller Bequemlichkeit und Nachteilen wie weiterem Verlust von Privatheit. Begleiten Sie uns bitte im Folgenden auf eine kleine Gedanken-Reise in die Zukunft Ihres Haushalts:
Stellen Sie sich vor, Ihr Wecker würde Sie morgens nicht mehr mit einem bloßen Klingelton - egal, ob gleichbleibender oder anschwellender Lautstärke -, aus dem Reich Ihrer Träume holen. Nein, weil Sie ihn schon oft überlistet oder ignoriert haben, weckt er Sie jeden Morgen mit einer anderen Aufgabe, die Ihre Konzentration beansprucht und so ein Weiterschlafen verhindert: Mal müssen Sie klatschen, um ihn zum Verstummen zu bringen, mal pfeifen oder singen. Blödsinn? Sicher - aber machbar.
Stellen Sie sich vor, es ist noch dunkel draußen. Sie stehen auf und gehen erst ins Bad und dann in die Küche. Vor Ihnen werden die Lampen hochgedimmt, hinter Ihnen verlöschen sie wieder: Energieeinsparung durch Sensortechnik, die Ihre Bewegungen durch den Raum registriert. Im vorgeheizten Bad ist der Toilettendeckel bereits hochgeklappt oder der automatische Schrank neben der Duschkabine hat ein Handtuch für Sie ins offene Fach fallen lassen: Ihr Wecker hat rechtzeitig bei oder vor Weckbeginn die nötigen Befehle an die entsprechenden Einheiten gesendet. Na, ja, und auch die Kaffeemaschine ist bereits im Gange, das duftend-heiße Gebräu erwartet Sie bereits, wenn Sie das Bad verlassen.
Der Toastautomat ist bereits aus dem darunter liegenden Frischebehälter mit zwei Brotscheiben beschickt worden, Sie rufen ihm ein noch verschlafen-brummiges "Goldbraun!" zu - und nichts passiert. Sie stutzen, räuspern sich und wiederholen das Kommando; diesmal sagt es leise "klack, klack" und der Automat beginnt das Brot wie gewünscht zu rösten. Was war geschehen? Beim ersten Befehl entsprach Ihr Tonfall wegen Ihrer mürrischen Morgenlaune nicht dem gespeicherten Spracherkennungsmuster - und von vermeintlich Fremden nimmt halt auch ein Toaster nicht ohne Weiteres Anweisungen entgegen. Wär‘ ja auch noch schöner...
Stellen Sie sich vor, Sie würden - begleitet von Ihrer automatisch gestarteten Nachrichten- und Musik-Wunschmixtur aus Radio oder Frühstücksfernsehen - Ihren Kühlschrank öffnen, der mit allem, was Sie sich wünschen, gefüllt ist, obwohl Sie sich schon seit Tagen um nichts gekümmert haben. Kein Problem: Ihre Lieblingsmarmelade, Ihre Wurstauswahl, Ihr Käsesortiment, alles hat seinen festen Platz und wird nach Restgewicht bemessen; oder es wird von der eingebauten Kamera observiert. Weil die Mengen, die Sie vor geraumer Zeit als Mindestmaß für Ihren Bedarf programmieren ließen, unterschritten wurden, hat Ihr Kühlschrank eine Bestellung beim vernetzten Lebensmitteldiscounter aufgegeben. Der ließ prompt die benötigten Vorräte in Ihrer persönlichen Depotklappe neben dem Hauseingang ablegen, von wo aus Ihre vollautomatische Kühleinheit sich die Sachen per Aufzug schicken ließ, um sie sachgerecht auf die jeweiligen Fächer zu verteilen. Überflüssig anzumerken, dass der Discounter Ihr ihm bekanntes Konto mit den entstandenen Kosten belastet. Von all dem haben Sie nichts bemerkt, Sie brauchen nur noch zuzugreifen. Guten Appetit.
Sagen Sie bitte nicht, wir wollten sie veräppeln. Dieses Szenario ließe sich sogar noch fortsetzen über Herd- oder Abwaschroutinen, Putz- oder Reparaturprogramme und vieles andere mehr. Aber nichts von dem, was wir eben skizziert haben, ist ernstlich utopisch oder blanke Phantasie. Nein, all dies wäre im Grunde genommen schon heute machbar - es gibt nur drei Schwierigkeiten: Erstens ist die Haushaltstechnik noch nicht ganz so perfekt entwickelt, dass solche Abläufe tatsächlich ressourcenschonend und nahezu unbemerkt möglich wären. Zweitens wäre deshalb eine solche Wohnumfeldgestaltung heute für den Normalbürger unbezahlbar. Drittens hakt ihre Verbreitung neben den Kosten an fehlender Massenakzeptanz. Aber Sie wissen genauso gut wie wir, dass all diese Probleme mit ein bisschen Zeit, Tüftelei und massiver Werbung behoben werden können. Also richten Sie sich bitte schon heute darauf ein, dass diese Entwicklung demnächst vorangetrieben wird - erste Vorstufen entsprechender Haushaltsgeräte (manche nennen sie "intelligent", aber das ist übertrieben...) sind bereits auf den jährlichen CeBIT-Messen in Hannover zu bestaunen.
Aber bevor Sie jetzt voller Begeisterung fragen, wann denn Sie mit einer solch bequemen Ausstattung Ihres trauten Heims werden rechnen können, lassen Sie uns noch einen kleinen Moment über die Folgen derartiger Entwicklungen reden. Ihre automatisierte Nachschub-Logistik (früher "Einkäufe" genannt) für Kaffee, Toast, Wurst und Käse; die gesteuerte Energieversorgung, die mit dem Server Ihres Versorgers gekoppelt ist, damit der allen Abnehmern zur richtigen Zeit ausreichende Netzlast zur Verfügung stellen kann; die unbemerkte Abrechnung durch Ihre Lieferanten; die Art und Menge Ihrer bevorzugten Radio- und TV-Auswahl; Ihre Gewohnheiten, wann Sie sich wecken lassen, wie oft Sie Dusche oder Toilette benutzen - all dies und vieles mehr erzeugt Datenströme, die nicht nur innerhalb Ihres vernetzten Haushalts, sondern zwangsläufig auch zwischen Ihrer Wohnung und externen Versorgungseinheiten hin- und herlaufen, die verarbeitet, ausgewertet, in künftige Service-Anweisungen umgesetzt, weiter verbreitet werden.
Sie können diese Datenströme so gut wie gar nicht beeinflussen, wenn Sie sich ein funktionierendes Wohnsystem dieser Art wünschen. Und schon gar nicht können Sie die Unmengen privatester Informationen, die zum reibungslosen Ablauf benötigt werden, begrenzen. Also nehmen Sie mit dem Ruf nach solch vermeintlicher Bequemlichkeit bewusst in Kauf, dass außerhalb Ihres Einwirkens aus Ihren Daten Profile über Sie gefertigt werden, die vordergründig die Servicequalität verbessern sollen. Aber mögen Sie sich ausmalen, was mit diesen Profilen sonst noch geschehen kann? Wenn Ihnen Ihre Privatsphäre lieb ist, dann behalten Sie Ihren alten Wecker und vertrauen Sie Ihrer 20-Euro-Kaffeemaschine. Und gehen Sie einkaufen - ohne Kundenkarte und mit Barzahlung...
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