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Zu jedem Netz(werk) gehört auch eine Spinne

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Stand Dezember 2008
StudiVZ, lokalisten oder XING - sie alle sind nur heiß auf Ihre Daten

Rund neun Millionen Deutsche, etwa zwölf Prozent der Bundesbürger ab 14 Jahren, haben sich nach einer Untersuchung des Computer- und Internet-Branchenverbandes BITKOM vom Sommer 2008 in so genannten Online-Netzwerken individuelle Profile eingerichtet. Gehören Sie auch dazu? Haben auch Sie freiwillig persönliche, manchmal sogar intime Daten bereitgestellt, teils um Kontakte zu suchen und zu knüpfen?

Die Motive, sich an solchen Netzwerken zu beteiligen, sind vielfältig: Manche wollen nur Spaß haben, andere die eigene Karriere fördern, jene möchten sich über Konsumgewohnheiten, die nächsten über Reiseerlebnisse austauschen - und vieles andere mehr. Das klingt spannend, unterhaltsam und vielleicht sogar nützlich, ist aber auch sehr gefährlich. Für Sie.

Forscher des Fraunhofer-Instituts für Sichere Informationstechnologie (SIT) in Darmstadt haben in einer Studie die sieben beliebtesten Plattformen dieser so genannten "Sozialen Netzwerke" untersucht, haben deren Geschäftsbedingungen, Registrierungsanforderungen und Sicherheitskriterien unter die Lupe genommen. Die Untersuchung erstreckt sich auf die eher privaten Plattformen "facebook", "StudiVZ", "myspace", "wer-kennt-wen" und "lokalisten" sowie die geschäftlich orientierten Portale "XING" und "LinkedIn". Das Ergebnis klingt niederschmetternd, kann aber nicht wirklich überraschen: Diese Plattformen "verlangen von ihren Nutzern bei der Registrierung viele private Daten, bieten aber nur wenig Möglichkeiten, diese persönlichen Informationen vor ungewollten Zugriffen zu schützen", schreibt Studienautor Andreas Poller vom SIT in seiner Zusammenfassung. Und mahnt weiter: "Von den getesteten Plattformen konnte keine vollständig überzeugen. Von der Nutzung mancher Dienstfunktionen ist sogar abzuraten, weil die Zugriffskontrollen teilweise einfach nicht funktionieren oder ganz fehlen." Bei den eher privaten Plattformen erzielte "facebook", obwohl auch hier "erhebliche Schwächen" zu verzeichnen waren, das vergleichsweise beste Ergebnis, auf dem letzten Rang landete "lokalisten"; bei den Geschäftsplattformen konnte "LinkedIn" vor "XING" landen.

Das Hauptproblem solcher Plattformen besteht meist darin, dass nahezu jeder sich anmelden kann, eine wirksame Kontrolle der Registrierungsdaten findet nicht statt. Das bedeutet, dass auch Namens-Pseudonyme und erfundene Personendaten jederzeit akzeptiert werden. Das kann Vorteile haben für denjenigen, der sich bewusst solcher Tricks bedient, um die Plattform zu nutzen ohne allzu viel über sich preiszugeben. Leider ist das nicht die Regel: Insbesondere unter jüngeren Menschen gilt es heute als "angesagt "oder "cool", in mindestens einer, wenn nicht mehreren Plattformen präsent zu sein. Da werden schulische oder berufliche Daten ebenso bedenkenlos preisgegeben wie familiäre Einzelheiten, Beziehungsgeschichten, Erlebnisse, Einkommensverhältnisse oder Wohnsituationen. Ganz zu schweigen von der Angewohnheit, das eigene Profil mit persönlichen Fotos anzureichern, die der Einzelne für originell oder witzig hält: Längst ist bekannt, dass beispielsweise manche Arbeitgeber sich in diesen Plattformen informieren, wenn ihnen Bewerbungen vorgelegt werden - das in die Plattform gestellte Foto von der jüngsten Sauforgie kann dann zu nachwirkenden Eindrücken beim Personalchef beitragen.

Selbstverständlich können in diesen Plattformen die Daten des eigenen Profils immer auch irgendwie zugriffsgesteuert werden. Jeder kann mehr oder weniger genau einstellen, wer von den anderen Mitgliedern der betreffenden "community" jeweils Zugriff auf die Profildaten haben darf. Aber die Wirksamkeit dieser Beschränkungen ist mehr als zweifelhaft.

Zum einen leben viele dieser Plattformen - nicht zuletzt deshalb redet man ja von "Netzwerken"! - von der Eigenheit, sich untereinander kreuz und quer zu verbinden oder zu verlinken. Das fördert selbstverständlich den Zusammenhalt - bedeutet aber immer auch eine Aushebelung von Sicherheitsschranken. Zum anderen gestalten die Betreiber solcher Netzwerke diese ja nicht aus purer Menschenfreundlichkeit. Sie stellen sie Ihnen in der Regel kostenlos zur Verfügung, weil sie auch heiß sind auf Ihre sehr persönlichen Daten, um sie profitabel zu vermarkten. Lassen Sie sich also niemals einlullen von wohlklingenden Persönlichkeits- oder Datenschutzversprechen der Netzwerkbetreiber, suchen Sie in den hintersten Ecken der Geschäftsbedingungen nach den verborgenen Fallen und Ausnahmeklauseln. Überlegen Sie sich genau, ob Sie der Forderung nach zwingender Zulassung von "Cookies" nachgeben oder lieber auf eine solche Plattform verzichten möchten.

Die Forscher des SIT haben die getesteten Plattformen gleich doppelt "abgeklopft": Sie haben sich zunächst als normale Teilnehmer angemeldet und dabei die angebotenen Möglichkeiten der Profilgestaltung ausgiebig getestet. Dann aber haben sie einen Rollenwechsel vorgenommen und wurden zu "Angreifern": Mit allen nur denkbaren Mitteln der Technik versuchten sie, die Personendaten aus den selbst erstellten Profilen gewissermaßen auszuspionieren: Sie testeten die technischen Konfigurationen, prüften die verwendete Verschlüsselungstechnik, setzten spezielle Suchmaschinen ein und probten das Durchbrechen gesetzter Schranken. Auf diese Weise gelangten sie beispielsweise an geschützte, nicht freigegebene Fotos oder eroberten gesperrte Daten über politische Ansichten oder familiäre Details. Als besonders erschreckend jedoch empfanden die Wissenschaftler es, dass sie selbst nach Aufgabe der Mitgliedschaft noch die eigentlich längst gelöschten persönlichen Daten ausforschen konnten.

Insgesamt erscheinen die Plattformen dieser "sozialen Netzwerke" auf Grund ihrer als äußerst schwach zu bewertenden Sicherheitsnormen als eine wahre Fundgrube nicht nur für Datenjäger, die Profile erstellen und vermarkten, sondern erst recht für Betrüger, die beispielsweise so genannte "Phishing"-Angriffe auf Kontodaten planen. Denkbar wäre auch ein Missbrauch etwa durch organisierte Einbrecherbanden, die sich in der Plattform informieren über die Urlaubspläne einzelner User - und diese finden dann bei Rückkehr die Wohnung ausgeräumt vor.

Für viele, insbesondere jüngere, Menschen haben diese sozialen Netzwerke eine hohe Bedeutung erlangt. Aber es ist gerade diese Wichtigkeit, in einem solchen Netz präsent zu sein, die massiv dazu beiträgt, Bedenken beiseite zu wischen. Stellen Sie sich vor, Sie nutzten ein solches Netzwerk unter komplett falschen Daten: Sie könnten zwar Ihren Freunden persönlich oder brieflich mitteilen, dass Sie als "Margarete Mustermann" vertreten sind und hätten so die Möglichkeit, das Internet zu nutzen, um sich mit "Hans Musterlich" oder "Evelyn Testa" auszutauschen - aber wem wäre damit gedient? Diese Kontakte können Sie auch pflegen ohne Plattform, aber neue Bekanntschaften wären so wohl schwierig.

Nein, in diesen Netzwerken geht es gerade um neue Kontakte, aber auch um bewusste Entblößung, um Eitelkeiten, um Selbstdarstellung - und dies alles sind ideale Motive, Schranken fallen zu lassen. Das haben clevere Geschäftsleute erkannt und derartige Plattformen zum "Hype" erklärt. Verschwenden Sie einen kleinen Augenblick bitte darauf, gedanklich in den Bereich der Natur abzuschweifen: Zu jedem Netz, das Sie in Ihrem Garten entdecken, gehört eine Spinne - ob sie nun erkennbar in dessen Mitte sitzt oder sich am Rande verborgen hält. Laut BITKOM-Studie kleben bereits mehr als neun Millionen mehr oder weniger leichtgläubige Opfer in den Netz(werk)en der Plattform-Spinnen: Wollen Sie auch dort landen?

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