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In kaum einem Bereich wird die Widersprüchlichkeit der RFID-Technik so deutlich wie im Gesundheitswesen, in Pharmazie und Medizin. Seit Jahren schon werden beispielsweise in der Arzneimittelforschung und -produktion RFID-Chips aus wohl verstandenem Sicherheitsinteresse eingesetzt: So nutzt die Pharmaindustrie diese Technik etwa zur Kennzeichnung spezieller Medikamente und schützt sich damit einerseits vor gesundheitsgefährdenden Plagiaten, andererseits kann sie die Verteilung sicherer gestalten und Missbrauch oder Irrtum in der Anwendung zumindest reduzieren. Eine solche Rückverfolgbarkeit von Medikamenten von ihrer Herstellung bis zu ihrer Ausgabe in Klinik oder Apotheke dient neben allen betriebswirtschaftlichen Vorteilen eindeutig dem Patientenschutz. Voraussetzung ist allerdings auch hier, dass die Etiketten sichtbar an den Packungen angebracht sind und dauerhaft außer Funktion gesetzt werden, bevor die Arzneien den Verbraucherinnen und Verbrauchern ausgehändigt werden. Anderenfalls wären missbräuchliche Praktiken denkbar, die die Patientenrechte unerträglich beschneiden.
Auch in anderen Bereichen des Gesundheitswesens findet die RFID-Technik längst nützliche Anwendung. So werden in einem niederländischen Gesundheitszentrum Blutkonserven mit RFID-Transpondern ausgestattet, die zusätzlich einen Temperatursensor enthalten. Auf diese Weise kann lückenlos überwacht werden, ob beim Transport der Konserven ihrer Kühlung die notwendige Aufmerksamkeit und Sorgfalt gewidmet werden. Auch sensible Proben sowie verschiedene Bedarfsartikel lassen sich so optimal verwalten und dirigieren.
Schwieriger wird es indes schon, wenn die RFID-Technik direkt "am Patienten" eingesetzt wird. So werden beispielsweise in einzelnen Kliniken bereits elektronische Patientenarmbänder verwendet, auf deren RFID-Chips aktuelle Patientendaten wie Diagnose, Allergien oder Medikation gespeichert sind; jeder Arzt und jede Schwester kann – sofern befugt – die auf dem Chip gespeicherten Daten mit einer persönlichen Identifikationsnummer abrufen. Ja, es ist sogar möglich, via Verbindung zu den einschlägigen Klinikdatenbanken Anordnungen des Arztes mit den gespeicherten Patientendaten abzugleichen und so zu überprüfen – im Falle eines Irrtums erhält der behandelnde Arzt eine direkte Rückmeldung.
Auf den ersten Blick klingt das nach einem perfekten Hilfsmittel im Interesse des Patienten. Leider geben die bisherigen Berichte, sie stammen aus Quellen der RFID-Wirtschaft selbst, keine Auskunft darüber, welche Vorkehrungen gegen möglichen Missbrauch oder gegen Folgen eventueller Fehler getroffen wurden. Allzu oft wurden etwa vertrauliche Krankenakten schon auf Mülldeponien oder an anderen ungeeigneten Stellen entdeckt: Was geschieht mit den chipbestückten Patientenarmbändern, wenn ihre Inhaber sie nicht mehr benötigen? Automatische Löschung? Manuelle Löschung? Vernichtung? Durch wen? – Stellen Sie sich vor, Ihre Patientendaten kämen Unbefugten in die Hände und würden als Ergänzung eines ohne Ihr Wissen kursierenden Profils verarbeitet. Nehmen Sie an, es gelänge jemandem, im Klinikbereich einerseits die Daten Ihres Patientenarmbands und andererseits die nebenan ausgelesenen Daten Ihrer elektronischen Gesundheitskarte (nach heutigem Planungsstand ohne RFID-Chip) zu erhaschen und zu verwerten. Ein US-Mediziner berichtete kürzlich auf einem Bielefelder Kongress von einem Computerfehler, der in einer Klinik die Datenbank mit den Patientendaten veränderte; das Klinikpersonal vertraute dem System mehr als den Aussagen der Patienten, schwer wiegende Verwechslungen waren die Folge. Sie sehen: Es braucht keine Phantasie, um erschreckende Szenarien auszumalen.
Allerdings sind selbst diese Vorstellungen noch vergleichsweise harmlos gegenüber den möglichen Folgen einer ganz anderen RFID-Anwendung, die – ursprünglich ausgehend von medizinischen Praktiken – sich inzwischen zu einer regelrechten Überwachungs-Technik zu entwickeln beginnt: Die Rede ist vom Chip-Implantat. Bereits heute gibt es eine Vielzahl von Therapiehilfen und medizinischen Assistenzen, die sich der RFID-Technik bedienen. Der winzige Funkchip wird dabei mit einer Injektion unter die Haut gepflanzt. Solche Implantate können beispielsweise Zuckerkranke bei der Insulindosierung unterstützen; sie können die Herztätigkeit überwachen, sie können moderne Hörhilfen ergänzen oder auch ersetzen, sie können rückfallbedrohten Alkoholikern Hilfestellung geben und vieles andere mehr.
Auch hier gilt wieder: Es gibt eine Reihe sinnvoller Anwendungen, die auf den ersten Blick begrüßenswert erscheinen – aber wehe, wir denken über möglichen Missbrauch nach. Schlimmer noch: Die einst aus medizinischen Gründen erdachte Technik wird mittlerweile vorsätzlich zweckentfremdet und in ganz anderen Bereichen als angeblicher Komfort angepriesen. In einigen Diskotheken und Bars kann man sich bereits heute vom hauseigenen Arzt einen Chip einpflanzen lassen; wer das tut, erhält automatisch VIP-Privilegien, denn an der Bar identifiziert ein Lesegerät nicht nur den Menschen, sondern kennt prompt auch seine Kreditwürdigkeit. Prominente in Mittel- und Südamerika ließen sich bereits Chips injizieren, um gegen Terrorismus besser überwacht und somit geschützt zu werden; oder sie ließen ihre Kinder entsprechend "behandeln", damit sie im Entführungsfall leichter auffindbar sind. Denkbar sind auch noch weiter gehende Funktionen, so können derartige Chips auch den persönlichen Schlüsselbund, Kredit-oder Versichertenkarte ersetzen.
Sie finden solche Vorstellungen grauenhaft? Seien Sie auf der Hut: In Großbritannien gibt es bereits ernst zu nehmende Diskussionen, die so genannte elektronische Fußfessel für zu Hausarrest verurteilte Straftäter durch implantierte RFID-Chips zu ersetzen. Und wenn Sie dies kombinieren mit der historischen Tatsache, dass schon im frühesten Computerzeitalter Anfang der Siebziger in den USA erörtert wurde, mehrere tausend Hippies zwangsweise mit Transpondern des damaligen Technikstandards auszustatten, um jederzeit ihren Aufenthalt bestimmen zu können – dann sollten Sie gewarnt sein. Bringen Sie bei jeder Gelegenheit Ihre Kritik an, oder wollen Sie, dass jenseits aller für Sie unkontrollierbaren Datensammlungen und Profile aus einem Helferlein Ihr Herrscherlein wird?
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