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Alles unter Kontrolle - Sie natürlich auch!

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Stand Dezember 2008
Medien-Technik-Netze-Konvergenz erleichtert Ihre Überwachung

Wir haben Sie gewarnt: Die so genannte Konvergenz verschiedener Techniken, Netze und Medien bedeutet bei aller Bequemlichkeit und attraktivem Nutzungs-Komfort immer auch ein Risiko für Ihre Privatsphäre; anhand der Beispiele Telefon-Nahzone, "triple play" und "iPhone" haben wir Ihnen dies erläutert. Aber es geht bei diesen Angeboten um weit mehr als nur ein paar persönliche Daten zur Vermarktung Ihrer Identitäten. Es geht um Kontrolle - und das in doppelter Hinsicht.

Werfen wir zunächst einen Blick auf die zuvor beschriebene Protokollierung Ihres Kommunikations- und Konsumverhaltens beispielsweise im Zuge von "triple play": Heute wird Ihnen von allen Seiten versprochen, Sie könnten in Ihrem Alltag nur profitieren von dem freien Fluss nahezu aller Daten. Aus vielen Werbesendungen kennen Sie selbst vermutlich etliche Beispiele: Das Internet als multifunktionale Wissensbörse, die Ihnen zur Verfügung steht; die Möglichkeit, auf angeblich beliebige Filme oder digitalisierte Bücher zugreifen zu können, wann immer Sie es wollen; die Chance, mit unterschiedlichsten Menschen aus allen Ländern über beliebige Themen zu kommunizieren - die Anbieter überschlagen sich teilweise im Ausmalen der gebotenen Vielfalt.

Aber diese Vielfalt ist eine Täuschung. Noch kann fast jeder alles, was ihm frei verfügbar ist, über die verschiedenen Netze verbreiten. Und fast jeder kann dies alles empfangen, herunterladen, speichern, kopieren, weiterverbreiten. Ältere unter Ihnen werden sich vielleicht erinnern, dass das einmal die schöne Illusion vom "worldwide web" war - die globale Wissens- und Kommunikationsgemeinschaft. Aber die Tatsache, dass es einige wenige gibt, die diese Möglichkeiten missbrauchen, die beispielsweise geschützte Inhalte verbreiten ohne Erlaubnis und ohne Bezahlung, dient mittlerweile als Vorwand für eine um sich greifende Reglementierungswut, die Ihnen etliche Freiheiten nehmen könnte.

Kennen Sie die Abkürzung DRM? Sie steht für den englischen Begriff "digital rights management", zu deutsch die Verwaltung von Rechten an digitalen Inhalten. Was Ihnen aus dem Nebeneinander von frei empfangbaren und bezahlpflichtigen Fernsehprogrammen schon bekannt sein könnte, das soll nach Ansicht vieler Anbieter auch für andere Inhalte der digitalen Welt Gültigkeit erlangen. Aber wir meinen, dass das maßvoll geschehen sollte: Es darf keinen Freibrief für Raubkopierer geben, aus der Abwehr krimineller Einzelfälle darf keine Keule gegen die Allgemeinheit geschmiedet werden. Stellen Sie sich vor, Ihr Lebensmitteldiscounter würde als Mittel gegen Ladendiebstahl eine Leibesvisitation für alle Kundinnen und Kunden einführen: Würden Sie dort noch einkaufen?

Abseits aller Medien- und Kommunikationsebenen greift es beispielsweise längst um sich, dass Sie die Software für Ihren PC nicht mehr als CD oder DVD erwerben und installieren - Sie laden Pakete aus dem Internet. Wenn Sie je die Geschäftsbedingungen genau gelesen haben, wissen Sie, dass Ihnen dabei nur ein Nutzungsrecht, nicht aber ein Besitz-, geschweige denn Eigentumsrecht an der jeweiligen Kopie zugestanden wird. Selbstverständlich können solche Softwarekopien mit Programmcodes versehen werden, die sie nach einer gewissen Zeit außer Funktion setzen: Ätsch, Sie müssen eine neue Lizenz kaufen.

Der nächste Schritt zeichnet sich bereits ab, in großen Netzwerken etwa mancher Firmen ist ein ähnliches Verfahren längst alltäglich: Ihr Desktop-PC hätte dann die benötigte Software nicht mehr auf seiner Festplatte, sondern würde lediglich im Falle der konkreten Nutzung via Internet auf die jeweils benötigten Programmdaten des betreffenden Anbieters zugreifen; abgerechnet wird entweder über befristete Zugangsrechte oder auch Nutzungszeiten.

Diese Art von Zuteilung und Kontrolle möchten etliche Anbieter auch auf andere Daten und Inhalte als lokal benötigte Software ausdehnen. Der Festplattenrecorder Ihres "triple-play"-Anschlusses zeichnet Ihnen Ihre Lieblingsfilme aus dem aktuellen Fernsehen, dem TV-Archiv oder dem Video-Downloadangebot auf. Aber wenn diese Filmkopien mit entsprechenden Programmcodes versehen sind, können Sie sie weder kopieren noch dauerhaft speichern: Nach drei Tagen oder dreimaligem Abspielen löscht sich die Aufzeichnung automatisch, falls Sie sie ein weiteres Mal ansehen wollen, müssen Sie erneut bezahlen. Dasselbe ist denkbar für Spiele, für Kartenmaterial Ihrer "iPhone"-GPS-Anwendung, für Ihre Bilderverwaltung und was auch immer.

Voraussetzung für diese umfassende Kontrolle über das, was Sie nutzen und schauen dürfen, ist die Vernetzung Ihres Zuhause oder Ihres mobilen Kommunikationsgerätes mit einem Anbieter, der diese Kontrolle ausübt. Und durchsetzbar ist diese Reglementierung Ihres Konsum- und Kommunikationsverhaltens für ihn am leichtesten, wenn Sie und möglichst viele weitere Menschen über konvergente Dienste mit ihm und weiteren Anbietern sowie untereinander verbunden sind, denn dann lässt sich Nutzung am ehesten steuern.

Selbstverständlich endet die Kontrollwut damit aber nicht: Auf europäischer Ebene wird derzeit eine grundlegende Regelung von Nutzungsrechten diskutiert. Frankreich etwa plädiert dabei für eine Bestimmung, wonach Internet-Provider Informationen über ihre Kunden direkt und ohne Einschaltung der Justiz an Rechteinhaber herausgeben müssten. EU-Kommission und Parlament streben weniger rigide Normen an, aber der Diskussionsprozess darüber ist ebenso wenig beendet wie die Auseinandersetzung um die Frage, ob Nutzern bei Verdacht von Verstößen gegen normierte Rechte zwangsweise der Zugang zu den Netzen blockiert werden darf. Können Sie sich ausmalen, wo solche Regelungen enden können? Wie groß ist der Schritt von einer Zugangskontrolle zum Schutze von Nutzerrechten zu einer Zugangsverweigerung?

Eingangs haben wir von zwei Ebenen möglicher Kontrolle gesprochen: Zur intensiven - und hoffentlich anhaltend freien - Nutzung verschiedener Kommunikationsformen und Medien gehören sowohl die Fähigkeit, diese Vielfalt als Nutzer zu überschauen und Inhalte auszuwählen, als auch die Möglichkeit für alle, gleichermaßen auf diese Vielfalt zugreifen zu können. Letzteres ist allein schon deshalb problematisch, weil die Nutzung konvergenter Dienste eine technische Mindestausstattung voraussetzt - beispielsweise leistungsfähige Verbindungen über DSL oder VDSL -, die längst nicht flächendeckend gegeben ist. Ein Einwohner von Bremen hat in dieser Hinsicht weitaus bessere Chancen als einer in Berne, Grasberg oder Thedinghausen. Ersteres hingegen wird unter dem Stichwort "Medienkompetenz" unter anderem in der aktuellen Bildungsdiskussion erörtert: Welchen Wissensstand brauchen Menschen, um Inhalte aus den Netzen für sich organisieren und selbstverantwortlich nutzen zu können?

Beide Probleme können hier nicht im Detail erörtert werden, aber es scheint uns geboten, zumindest auf sie hinzuweisen. Denn solange derartige Fragen nicht umfassend und demokratisch gelöst werden, könnten die systembedingt gegebenen Kontrollmöglichkeiten konvergenter Dienste allzu leicht gesellschaftliche Fehlentwicklungen begünstigen - und die Daten, die Sie als Nutzer preisgeben, sind der potenzielle Werkstoff dafür. Je eher und je intensiver Sie sich auf die Nutzung konvergenter Angebote einlassen, desto stärker riskieren Sie gesellschaftliche Entwicklungen, die alsbald nicht mehr zurückgedreht werden könnten und dann vielleicht auch von Ihnen (oder uns) nicht mehr beeinflussbar und lenkbar sein werden.

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