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Ein Internet-Nutzer mit dem hübschen Pseudonym "Marcuse" hatte im Mai 2008 den passenden Kommentar bereit: "Das ist ein gutes Angebot - für alle Mitmenschen, die nichts zu verbergen haben!" Soeben hatte nämlich der Informationsdienst "heise online" gemeldet, zumindest in den USA habe der Internetdienstleister Google seinen Gesundheitsdienst "Google Health" nunmehr freigeschaltet (Link: http://www.heise.de/newsticker/Google-Health-ist-online--/meldung/108150).
Seit Monaten schon war über das Projekt diskutiert worden - nun also können Google-Nutzer sich kostenlos eine persönliche elektronische Patientenakte zulegen. Nein, es geht nicht um die Daten, die Sie über sich auf Ihrem PC speichern, wo sie - je nach Qualität Ihrer Schutzmaßnahmen - mehr oder weniger sicher abgelegt sind. "Google Health" ist, wie alle anderen Google-Dienste auch, eine Einrichtung, über die Sie Ihre individuellen Daten auf einem Google-Rechner ablegen, verwalten und - wenn Sie es möchten - Ihrem Arzt oder Ihren Verwandten zugänglich machen. Sie halten das für eine riskante Sache? Wir auch!
Aber Google bemüht sich eifrigst, Sie vom Gegenteil zu überreden. Dabei scheut sich der Internetdienstleister auch nicht vor starken Phrasen. "heise online" zitiert beispielsweise die Google-Managerin Marissa Mayer: Im Informationszeitalter sei es widersinnig, dass viele Menschen noch nie einen Einblick in ihre Patientenakte gehabt hätten! Google als Freiheitskämpfer für Ihr persönliches Recht? - Die Nutzer, so Mayer weiter, sollten auch Zusammenhänge erkennen und besser Vorsorge treiben können. Jeder sein eigener Arzt?
In der englischsprachigen Erläuterung zu "Google Health" wird die Frage nach dem Warum dieses Angebots vergleichsweise großspurig beantwortet: "Es gehört zu unserer Mission, weltweit Informationen zu organisieren und allgemein zugänglich zu machen." Ja, Sie haben richtig gelesen - "allgemein zugänglich". Das Konzept sieht ausdrücklich vor, dass es einen mehr und einen weniger streng geschützten Bereich Ihrer medizinischen Daten geben soll: Google will zwar derzeit in seinem Gesundheitsdienst noch keine Werbung zulassen; es ist aber vorgesehen, dass - selbstverständlich an Google zahlende - externe Dienstleister Zugriff auf bestimmte Sätze Ihrer Daten erhalten. Anschließend werden Sie dann von diesen Dienstleistern mit Angeboten traktiert, Sie beispielsweise an Pilleneinnahme oder Impftermine zu erinnern; gegen Gebühr, versteht sich.
Selbstverständlich beteuert Google Ihnen wortreich sein hohes Schutzniveau: Sie und nur Sie würden entscheiden, welche Daten in Ihrer Gesundheitsdatendank stehen und wer darauf zugreifen darf. Aber der Vorteil sei eben, dass dieser Zugriff jedem Befugten von überall aus möglich sein soll. Eben da sind Zweifel mehr als berechtigt. Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, Peter Schaar, hat zu Recht darauf hingewiesen, dass ein vom Anspruch her globaler Zugriff auf persönliche Daten auch berücksichtigen müsse, dass bundesdeutsche Datenschutzregeln nur innerhalb unserer Grenzen gelten: "Weltweit gibt es einen derartigen Schutz aber nicht." Das heißt im Klartext: Wenn irgendwem von irgendwo ein Zugriff auf Ihre Gesundheitsdaten bei "Google Health" gelingt, haben Sie - wenn Sie es denn überhaupt merken - keine Chance, einen Missbrauch dieser Daten zu verhindern oder gar zu ahnden.
Aber unbefugter Zugriff ist bei weitem nicht das einzige Risiko, das Sie eingehen. In seiner blumig formulierten Selbstbeschreibung argumentiert Google, dass der neue Dienst in Verbindung mit dem Internet dem Nutzer helfen könne, qualifiziertere Gesundheits-Entscheidungen zu treffen. Schließlich hätten die Leute schon seit langem die Google-Suchmaschine genutzt, um an Gesundheits-Informationen zu gelangen, das sei doch ein "natürlicher Startpunkt" für einen Dienst wie "Google Health". Merken Sie, worauf das hinausläuft? Im Zuge seiner Erarbeitung und Vervollständigung des über Sie gespeicherten Profils hat Google längst Ihre Anfragen nach medizinischen Suchbegriffen gespeichert und bietet Ihnen nunmehr deren Verknüpfung mit Ihrer Gesundheitsakte an.
Und das geschieht genauso automatisch und ohne Ihr Zutun wie beispielsweise die denkbare Integration Ihres psychologischen Profils als Teilnehmer an Online-Spielen, wofür Google bereits vor Jahresfrist ein entsprechendes Patent beantragt hat. Denn die kreuzweise Nutzung von Funktionen verschiedener Dienste gehört ausdrücklich zu den Grundprinzipien des "Systems Google". Vielleicht werden irgendwann auch Ihre genetischen Daten, woher auch immer, via Google mit Ihrem übrigen Profil verknüpft: Erst kürzlich hat Google dem US-amerikanischen Molekularbiologen George Church einen Spendenbetrag in unbekannter Höhe überwiesen für dessen PGP-Projekt. Nein, diesmal steht das Kürzel nicht für eine Verschlüsselungstechnik - im Gegenteil: Churchs PGP bedeutet "Personal Genome Project" und meint, individuelle Gendaten-Schlüssel zu erstellen und via Internet publik zu machen.
Zur Zeit ist die Teilnahme an "Google Health" nur US-Bürgern gestattet. Aber der Internetriese verfolgt ausdrücklich das Ziel der Ausweitung dieses Dienstes auch auf andere Länder. Google-Chef Eric Schmidt bezeichnete es als "ein vernünftiges Ziel", "dass jede Person, die Zugang zum Internet hat, erwägt, einen persönlichen medizinischen Datensatz anzulegen". Für Datenschützer und Bürgerrechtler sowie die wachsende Gemeinde der Kritiker von Googles Allmachtstreben ist dies eine Horrorvision.
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